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"Es ist wie ein Fieber" (Article in German)

Die Künstlerin Lara Baladi glaubt, dass Ägypten das Schlimmste noch vor sich hat.

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Publication: Wiener Zeitung
Author: Matthias Nagl
Date: March 14, 2013
"Wiener Zeitung": Sie haben die Proteste gegen den früheren ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak und die neue Regierung auf dem Tahrir-Platz mit dem "Tahrir Cinema" künstlerisch begleitet ...

Lara Baladi: Ich möchte das nicht so nennen. Wenn man mitten in einer Revolution ist, kommt es nicht darauf an, was man ist. Weil ich eine Künstlerin bin, habe ich eben das getan, anstatt etwa als Arzt Menschen auf dem Tahrir-Platz zu helfen. Das war nicht als Aufführung gedacht.

Was wollten Sie mit dem Tahrir Cinema erreichen?

Zu Beginn des Aufstandes war ich sehr fasziniert von dem, was ich die "Vox populi", die Stimme des Volkes, auf YouTube nenne. Während wir demonstrierten, war es viel zu viel Information, um es auf einmal zu verarbeiten. So begann ich, auf meinem Computer ein Archiv dieser "Vox populi", etwas, das vielleicht bald verschwinden würde, anzulegen. Als die Proteste im folgenden Sommer wieder aufflammten, dachte ich, dass es lange dauern wird, und fragte mich, was ich tun könnte. Mit drei anderen Leuten schuf ich mit einfachen Mitteln ein Freiluftkino auf dem Tahrir-Platz, wo wir Rohmaterial von verschiedenen Akteuren seit dem Beginn der Proteste zeigten. Wir wollten Filmmaterial darüber zeigen, was wirklich passierte. Denn viele Leute haben kein Internet. Menschen entdeckten das, wovon wir dachten, dass es jeder wusste.

Sie kamen als demonstrierende Bürgerin zu den Protesten. Wie haben Sie die Proteste in Ihrer Arbeit als Künstlerin beeinflusst?

In der ersten Phase hatte ich gar keine Kamera dabei. Als sich abzeichnete, dass es lange dauern wird, begann ich mit meiner Kamera spezielle Themen bewusst zu dokumentieren. Dieses Archiv wurde eine Inspirationsquelle. Ich habe eine Skulptur kreiert, die nichts mit den Fotos und Videos zu tun hat, sondern aus der Wahrnehmung der Muster entstanden ist: Die zunehmende Gewalt an Frauen und wie diese von sexueller Belästigung zu einem politischen Werkzeug wurde. Die Skulptur ist ein Keuschheitsgürtel. Es geht dabei nicht so stark um Frauen, sondern um die Repressionen gegen Freiheit, die tatsächlich schlimmer wurden, seit wir die Freiheit gefordert haben. Dieses Objekt wird bei der zunehmenden Gewalt, die wir erleben, fast eine Notwendigkeit.

Das klingt, als wären die Dinge in den zwei Jahren seit der Revolution schlimmer geworden.

Ja. Eine Gesellschaft, die für 60 Jahre oder länger unterdrückt war, kann sich nicht über Nacht verändern. Es gibt viel zu viele faule Aspekte im System, die noch vorhanden sind. Mubarak zu entfernen war, wie einen Kanaldeckel aufzuheben. Nun kommen die Kakerlaken und die Krankheiten heraus. Es ist wie ein Fieber, das man durchstehen muss. Wenn man es überstanden hat, ist man wieder gesund. Wahrscheinlich haben wir das Schlimmste noch nicht überstanden. Kurzfristig ist es überhaupt kein schönes Bild, aber langfristig ändern sich die Dinge. Ich bin sehr optimistisch, dass diese Macht und diese Ideologie insgesamt kollabieren müssen.

Haben sich die Bedingungen für Künstler in den vergangenen zwei Jahren auch verändert?

Ja. Es gibt zwar viel zu viele andere Probleme, als dass sich um uns jemand kümmert. Die Menschen nutzen den öffentlichen Raum aber viel freier als früher. Obwohl ich glaube, dass das wieder stärker unterdrückt werden wird, wird die Freiheit, die erkämpft wurde, momentan von den Revolutionären behauptet. Mit Revolutionären meine ich einen sehr kleinen, jungen und kreativen Teil der Revolution, der mit dem Rest der Stadt durch Graffitis und Wandmalereien kommuniziert. Das hat sich verändert und hat Kunst aus den Kunsträumen befreit. Auf vielen Ebenen agieren die Leute anders, als sie das früher getan haben.

Information:
Zur Person
Lara Baladi (43) ist eine ägyptisch-libanesische Multimedia-Künstlerin und lebt in Kairo. Ihre Skulptur "El Horeya Gueya Labod" (Freiheit kommt) ist Teil der Ausstellung Cross-Border im ZKM Karlsruhe (27.April bis 8. September). Sie war auf Einladung des Salzburg Global Seminars in Salzburg.


Read the original article here: Wiener Zeitung  (link opens in a new window)

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